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Was das Er-Spüren unser Herzschlages mit unserem Zeitempfinden zu tun hat

Eine Body-Emotion Verbindung der besonderen Art 

 

Wer kennt das Phänomen, wenn die Zeit sich scheinbar ausdehnt und gleichzeitig ganz schnell zu vergehen scheint? Die Wahrnehmung der Zeit, unser persönliches Zeitempfinden, variiert. 

Ich höre in meinem Umfeld häufig die Aussage, dass die Zeit so schnell vergehe, oft noch begleitet von einem „ja ja, je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit“. Woran kann das liegen?

Unser Zeiterleben ist relativ: Neben der Tatsache, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Erleben einer Routine und dem Erleben von etwas Neuem: Scheinbar vergeht in der Tagesroutine (wenn „runtergespult" und nicht in Achtsamkeit gelebt) die Zeit schneller. Ganze Stunden können scheinbar verschwinden, wenn ich z.B. während einer Handlung mit meinen Gedanken woanders bin oder über etwas intensiv nachgrübele.

 

Tut man hingegen etwas sehr bewusst, mit Achtsamkeit und aus dem Jetzt heraus (Stichwort "Flow-Zustand"), scheint die Zeit anders zu vergehen; mir kommt es dann manchmal so vor, als würde sich die Zeit ausdehnen oder/und verlangsamen..

Und wer kennt es nicht: Wenn man auf etwas wartet, können auch 60 Sekunden regelrecht dahinkriechen.

 

Es gibt aber noch einen weiteren interessanten Zusammenhang zu unserem Zeitempfinden, und das hat mit unserem Herzen, besser gesagt mit dem Erspüren unseres Herzschlags zu tun:

 

Ein Forscherteam der Universität München, bestehend aus medizinischen Psychologen, wollte herausfinden, wie wir die Zeit wahrnehmen. Sie entdeckten, dass der Rhythmus des Herzens dabei eine wichtige Rolle spielt. 

Man hatte Versuchspersonen gebeten, in sich hinein zu hören und (ohne Hilfsmittel wie etwa das Ertasten des Pulsschlags) die Schläge ihres Herzens zu zählen. Anschließend sollten Sie die Dauer eines Tons abschätzen. Dabei zeigte sich, dass Personen, die Ihren eigenen Herzschlag gut fühlen können, das genauere Zeitgefühl haben. Diese Befunde lassen vermuten, dass das Gehirn Körpersignale - insbesondere den Herzschlag - nutzt, um die Zeit zu schätzen bilanzierte das Münchner Forschungsteam im Jahre 2011.

 

Der Freiburger Psycho Physiker Marc Wittmann, der auch an der Münchner Studie beteiligt war, hat den aktuellen Stand der Psychologie das Zeitempfindens in einem Buch erläutert. Seine Erkenntnisse, könnte man folgendermaßen zusammenfassen:

Je mehr Impulse wir in einer gewissen Zeitspanne mit unseren verschiedenen Sinnen wahrnehmen, desto länger ist ihre subjektive Dauer. Je weniger Impulse wir wahrnehmen, desto schneller ist das Leben vorbei. 

Dieses Ergebnis widerspricht der Erfahrung, dass die Zeit vor allem dann vorüberzufliegen scheint, wenn wir etwas intensiv erleben und mit allen Sinnen beteiligt sind. Doch der Schein trügt, unsere Lebenszeit steht uns nicht nur als Gegenwart, sondern auch als Erinnerung zur Verfügung. Während wir etwas intensiv erleben, mögen wir die Zeit vergessen, aber in der Erinnerung dehnt sie sich, weil uns durch die Intensität des Erlebens so viele Eindrücke bleiben.

 

Lebenszeit entspricht nicht der Uhrzeit. Denn die von uns erlebte und damit für uns wesentliche Zeit besteht aus der Beziehung zwischen unseren organischen Rhythmen - etwa Herzschlag oder Atemrhythmus - unserer Empfindungsintensität, also der Vielfalt der Sinneswahrnehmungen und der Gefühlstiefe - und den Rhythmen der äußeren Welt - etwa der Kommunikations- und Bewegungsgeschwindigkeit der Gesellschaft. Die Art der Beziehungen zwischen diesen Komponenten bestimmt, wie viel Zeit uns zum Leben bleibt. Unser Körper ist das Instrument, mit dem unsere persönliche Lebenszeit gemessen wird. Er koordiniert die Sensibilität der Sinne, die Intensität der Gefühle und die Beziehung zur Außenwelt.

 

Können die inneren Rhythmen langfristig nicht mit den äußeren Anforderungen in Einklang gebracht werden, verschließen wir unsere Sinne. Wir erledigen weiter unsere Aufgaben, aber wir sehen, riechen, spüren und fühlen nichts mehr. Wenn wir so durch Leben hasten, stumpfen wir ab. Und statt Zeit einzusparen, versickert sie in Wirklichkeit unbemerkt. Ganze Jahreszeiten können uns auf diese Weise entgleiten.

 

ab Zitat des Forschungsergebnisses entnommen aus der unendliche Augenblick“
von Natalie Knapp